scharf, schärfer, schlechtes Bild

Wenn es um Schärfe oder um die beliebte Tiefenschärfe geht scheiden sich wirklich die Geister. Ich sehe ein Bild im RAW Format und entdecke Kleinigkeiten, die nicht dem entsprechen was ich mir vorstellte. Sei es das nur ein Auge scharf ist, sei es ein störender Effekt im Hintergrund oder das Unschärfe hervorgerufen wurde, die durch eine Fehlbedienung entstanden ist. Kein Fotograf kann sich wirklich davon freisprechen, auch wenn es niemand gerne zugeben möchte, doch sie kommen vor. Bedeutet es gleich das diese entstandenen Fotos schlecht sind?

„Was ist es? Das muss Kunst sein“

Ich sage nein. Ich sitze manchmal vor meinen Fotos und frage mich „Was hat dich denn da geritten? Was soll das sein?“, doch ich lösche diese Fotos erstmal nicht. Nachdem ich die für mich „guten Fotos“ bearbeitet habe und ggf. nach einem Shooting zur Verfügung gestellt habe, geht es an die sog. Outtakes.

Diese 3 Aufnahmen sind für mich zu Beginn einfach nichtssagend gewesen. An einem Sonntag Nachmittag wollte ich einfach mit der Kamera raus, doch wusste ich nicht wohin. Also zog ich durch Bochum. Für mich gibt es in Bochum einige interessante Locations, doch genau diese habe ich bereits mehrfach abgelichtet. Ich ließ mich nicht beirren und machte meine Aufnahmen. Eigentlich sagten sie für mich nicht viel aus und entsprachen nicht dem, was ich eigentlich umsetzen wollte. Je länger ich mir diese Aufnahmen ansah, entstand eine Faszination für das was sich dahinter verbarg. Das Ruhrgebiet in seiner charakteristischen Schönheit.
Die Zeiten, in der Hauswände mit Rußpartikeln beschmutzt waren, Fensterbänke von Kohlenstaub benetzt waren und auf der Straße gepölt (für die nicht aus dem Ruhrpott stammenden -> Fussball gespielt wurde), sind leider vorbei. Doch die Schönheit ist geblieben. Die Schönheit dessen, was keine Schärfe benötigt.

Ein Bild muss nicht immer etwas aussagen, ein Bild muss auf den Betrachter wirken und zum Denken bzw. träumen anregen. Ich habe gezielt diese Bilder ausgewählt. Sie sind beim ersten hinsehen typische Aufnahmen, wie sie im Ruhrgebiet aufgenommen werden. Sie sind nicht perfekt. Sie beinhalten wenig Tiefenschärfe, sie zeigen einen Moment der aufgenommen wurde und verbergen in sich Jahrzehnte des wirtschaftlichen Erfolgs und des Aufschwungs, aber auch Kummer und Hoffnungslosigkeit einer ganzen Region verbunden damit auch eine Vergangenheit die zeigt, dass nichts von Dauer ist und wie schnell eine ganze Region in einen Sog der Verwandlung gezogen werden kann. Für mich ist dies ein Kraftspender, nicht nur in schwierigen Zeiten.

Den Fokus auf Unschärfe zu legen, kann manchmal ein grandioses Bild ausmachen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.